Rezensionen zum Stück „Eigengrau" von Anton Pleva
Leidenschaft im Zwielicht: Eigengrau als fesselndes Stück
Eine Rezension von Sabrina Proemmel
Autor: Sabrina Proemmel
Große Pfützen säumen den rauen Asphalt. Schneeflocken setzen sich in den Haaren der Passant:innen ab. Es sind die ersten kalten Winternächte. Die meisten Menschen weichen schnellen Schrittes dem rutschigen Laub aus. Sie hasten nach Hause.
Doch immer wieder biegen kleine Gruppen in eine dunkle Gasse ein. An deren Ende leuchtet ein greller Schriftzug. Über eine Treppe gelangen die Theaterbesucher:innen in das Innere des „Hamburger Sprechwerks“. Ihre dunkelblau gefärbten Lippen werden von roten Wangen abgelöst und in ihren Augen schimmert die Vorfreude auf die Premiere des feministischen Stücks „Eigengrau". An der Bar greifen einige noch zu Wein und Bier, bevor es sie in den Vorstellungssaal des Stücks zieht.
Das Szenario passt zum Inhalt des Stücks. Die warme, lockere Atmosphäre kreiert einen Safe-Space für das moderne, diverse Publikum. Nach den ersten Lachern tauen auch die Schauspieler:innen spürbar auf und spielen immer befreiter und losgelöster.
Das Vorhaben der Autorin Penelope Skinner, auf deren Buch „Eigengrau“ basiert, besteht darin, den Schwebezustand, in dem sich junge Erwachsene im ersten Drittel ihres Lebens befinden, zu symbolisieren. Vier multikulturelle Stadtbewohner:innen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, suchen nach ihrem Lebenssinn. Den stärksten Halt scheint Mark gefunden zu haben, ein Marketing-Absolvent mit stabilem Einkommen und moderner Wohnung. Die Fassade bröckelt allerdings mit einem Blick ins Innere des jungen Erwachsenen. Denn er bezieht seine Selbstsicherheit aus seinem Dasein als Womanizer und muss sich ständig über seinen beruflichen Erfolg gegenüber dem Mitbewohner Tim profilieren.
Dessen warmherzige und gutgläubige Art bildet einen Kontrast zum ehemaligen Kommilitonen Mark. Im Versuch, Tims Leben wieder Glauben und Kontrolle zu schenken, tendiert Mark dazu, seinen Mitbewohner zu degradieren. Doch der versinkt vollends in der Trauer über den Verlust seiner Großmutter.
Im Gegensatz zu Tim fehlt es Rose nicht an Zuversicht. Jeder noch so herbe Rückschlag hindert sie nicht daran, weiterhin an Schicksal, Zauberwesen und die wahre Liebe zu glauben: an ihre Liebe zu Mark. Rose kann aber die Miete nicht bezahlen und verärgert damit ihre Mitbewohnerin Cassie, eine überzeugte Feministin, die natürlich auch nichts für Mark und Roses Schwärmerei für ihn übrig hat.
Das komplexe Beziehungsgefüge, das die vier Protagonist:innen als Sinnbild moderner zwischenmenschlicher Beziehung verkörpern, lenkt den Blick vom klassischen Schwarz-Weiss-Denken hin zu einer Abstufung von Grau. Skinner sieht in jeder menschlichen Verbindung eine neuartige eigene Art von Grau.
Die Visualisierung des Stücks selbst kommt überhaupt nicht grau daher: Das Bühnenbild, aufgeteilt in die zwei WGs, ist farbenfroh und mit Liebe zum Detail gestaltet. Abwechselnd wird jeweils eine Bühnenhälfte zum Leben erweckt, während die andere im „Freeze“ verharrt, um den Fokus des Publikums auf eine bestimmte zwischenmenschliche Aktion zu lenken. Ebenfalls konträr zum Titel „Eigengrau“ lässt sich die Schauspielleistung einordnen: Die Darsteller:innen spielen ihre Rollen laut, bunt und teilweise leicht überspitzt, wodurch das Thema auf eine verspielte Art transportiert wird. Für besonders viele Lacher sorgen die Gesangseinlagen der Schauspieler:innen, die die Stimmung im Publikum spürbar auflockern.
Einziger Kritikpunkt ist die Länge des Stücks. Denn während in der ersten Hälfte von „Eigengrau“ die Rollen der verschieden Charaktere sowie die Beziehung zwischen ihnen deutlich werden, zieht sich der Inhalt der zweiten Spielhälfte ein bisschen.
Nichtsdestotrotz schafft es dieses amüsante, moderne Stück, ernsthafte Themen zu transportieren und auch Skeptiker:innen mit Humor an Feminismus und co. heranzuführen. Zudem lädt die angenehme Atmosphäre und das offenherzige Publikum zu einem gemütlichen Abend im Hamburger Sprechwerk ein.